Loveparade im Religionsbuch
heute neues reli-buch in der schule ausgeliehen ("Thema Mensch- Material für den Unterricht in der Oberstufe")... blättere so durch... und find dann plötzlich das hier! hab mich während des unterrichts teilweise kringelig gelacht über die scheiße, die da so drin steht 
| quote: | "Ich tanze, also bin ich."
Ich tanze, also bin ich. Mit Hilfe von 40000 Watt kommt diese Erkenntnis im Bruchteil einer Sekunde. Die Musikanlage springt an, und die Töne bollern mit der Gewalt eines Presslufthammers ans Ohr. Dem Körper bleibt nur noch Krisenmanagement. Hirn ausschalten und Notwehrzucken. Die Reflexe bewegen Hände und Füße, und kurz darauf ist es soweit: Selbst bei kurzen Pausen zwischen zwei Stücken wackele ich weiter und sehne mich nach mehr. Schneller, lauter, härter. Und schönen Gruß an den Ohrenarzt. Von hier oben, auf einer der fahrbaren Stereoanlagen im Zweifamilienhausformat auf der Love Parade, der freie Blick auf Technotopia: strahlende Gesichter, entrückt-verzückte Blicke, wohin das Auge schaut. Menschen, die einander noch nie begegnet sind, tanzen sich an. Zehn-Sekunden-Bekanntschaften im Vorbeifahren. We are one family. Deutschland, hast du dich wirklich geändert?
Ignorieren wir den Bass im Hintergrund, der die Hosen zittern und den Brustkorb beben lässt. Die Wahrheit muss auf den Tisch: Wir sehen hunderttausende Halbnackte, die lachend ihre Körper zu epileptisch anmutenden Bewegungen nötigen ("tanzen"). Haben wir es also mit einem Haufen Kranker zu tun, die sich in der Hauptstadt zu einer Demonstration glücklichen Irrsinns treffen? Die Antwort lautet kurz und schmerzlos: ja. Denn das Techno ist ein Virus. Und zwar der ganz fiesen Art. Übertragungswege und Heilungsverfahren sind unbekannt. Es nistet sich unmerklich ein und wuchert, bis das ganze Nervensystem infiziert ist. Und plötzlich erscheint das Schallgewitter wie die beglückende Vereinigung mit dem Herzschlag der Welt, der Sprung in den Glücksrausch.
Das Brandenburger Tor naht, Zeit für einige Gedanken über Deutschland: Was wurde hierherum schon demonstriert. Wir sind das Volk! Wir sind ein Volk! Und jetzt wieder eine Vereinigungsdemo: mehr als 600000 Stimmen für Friede, Freude, Eierkuchen.
Aber Besinnung, bitte. Hier haben gerade Menschen Spaß in Deutschland. Einfach so. Das ist erschütternd! Im Land der sauertöpfischen Vereinsmeier und Spießer, der Humorlosigkeit und des ordentlich organisierten Frohsinns im Narrenkäppi. Gedanken an Kindheitstage im Rheinland kommen auf, an den Karneval, Prunksitzungen und Umzüge ... Und jetzt das: Berlin fest in der Hand von Typen, die drei Tage lang überall in der STadt bei jedem Autoradio stehenbleiben und tanzen. Die aus allen Teilen der Republik herbeigeströmt sind, um lustvoll ihre Leiber zu wiegen und ausgelassen zu feiern.
Abends dann der Höhepunkt des Familienfestes an der Siegessäule. Ein normales Rockkonzert ist daneben ein Geburtstagsständchen für Tante Elfriede. Auf allen Zufahrtsstraßen Raver, so weit das Auge blickt, selbst die Siegessäule zuckt im Scheinwerferlicht in bunten Farben. Die Erde vibriert im Technotakt. Nach sechs Stunden Dauertanzen fordert der Körper Ruhe, doch das böse T-Virus kappt einfach die Info-Leitungen. Weiter geht's. Und wie ein Orkan braust es aus hunderttausenden Kehlen zurück, als DJ Mark Spoon aus Frankfurt, überwältigt von dem Anblick vor der Bühne immer wieder "Beeeeeerliiiiiin" und "Loooooveeee Paaaaraaaade" in das Mikro brüllt. Nach seinem letzten Stück ist der DJ richtig benommen. Schwerfällig geht er von der Bühne und legt mir, weil ich im Wege stehe, seine wuchtigen Arme mit den großen Tattoos um den Hals und sagt immer wieder: "Unglaublich, das ist unglaublich." Und: "Das ist das Größte."
Quelle: Rainer Schmidt: Deutschland, liebes Technoland. Aus: DIE ZEIT vom 19.7.1996
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ach ja, und in der mitte das grinsende gesicht eines technojüngers sieht etwas unter.... .... aber das kann ich von seinen sehorganen her jetzt erst mal nicht sagen ^^
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