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Re: Möllemann/Friedmann&CO was läuft hier falsch
Ich fang mal oben an und arbeit mich nach unten durch. Ich werde hier also zu mehreren Themen Stellung beziehen.
| quote: | Originally posted by Doctorxx3
wir sind immer schnell dabei, die schuld und ursache bei anderen zu suchen. sofern dann jemand entlarvt und blossgestellt ist, erlangen wir befriedigung, genugtuung und bestätigung in unserem eigenem (falschen?)handeln und tun.!? |
Teils ja, teils nein. Es ist richtig, dass der Mensch immer schnell dabei ist die Schuld bei anderen zu suchen. Dies ist insoweit menschlich, weil es die einfachste Lösung, auf der anderen Seite ist Selbstreflexion nicht gottgegeben, sondern auch erst etwas was man lernen muss. Hierbei spielen Umwelteinflüsse (insbesondere Feedback) eine sehr starke Rolle). Auf der anderen Seite ist es auch ein Schutzreflex, da Schuldgefühle (e.g. "Ich bin schuld") den Menschen sehr stark belasten können, wenn es in extrema geht.
Es ist also nicht nur böse und gemein, sondern zu einem gewissen Grad höchst menschlich und auch gesund. Wie gesagt: Auf die Balance kommt es an.
Genugtuung und Bestätigung ist auch ein sehr ambivalentes Thema. Übertrieben kann man natürlich sagen, dass auch dieses wieder "fies" und "gemein" ist, aber das ist wieder nur die eine Seite der Münze. Eine Bestätigung und eine Genugtuung die sich auf mich selber bezieht ist gut und richtig. Eine Bestätigung und Genugtuung, die sich auf das Elend anderer bezieht ist verwerflich. Einfach gesagt: Wenn ich die Genugtuung aus meiner eigenen Leistung ziehe (ich sehe, es geht mir besser, weil ich mehr geleistet habe und dafür belohnt worden bin) ist es gut. Wenn ich die Genugtuung mit nichts, was ich geleistet habe in Verbindung bringe (ich sehe, dass es jemand schlechter geht als mir und führe es darauf zurück, dass der andere einfach schlechter/dümmer/assiger oder was auch immer ist). Der Bezugspunkt, aus dem ich meine Befriedigung ziehe ist also der entscheidende Punkt.
Befriedigung ist nichts wofür man sich schämen muss, wenn man selber etwas dafür geleistet hat.
| quote: | Originally posted by Hollow
meiner meinung nach ist unsere politik einfach zu altmodisch... die verfassung ist überholt, politiker haben keine ideen mehr...
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Die wirtschaftlich schlechte Situation hat nichts mit der Verfassung zu tun, da diese gerade in der Wirtschaftspolitik so gut wie keine Vorgaben macht im Gegensatz zu anderen Verfassungen.
| quote: | Originally posted by TranceRulez
Ich glaube wenn wir hier mal so 1-2 Sachen zusammenstreichen würden und vielleicht mal die Reformen auch durchbekommen würd das schon so die eine oder andere Mark an Kostenersparnis bringen....
Aber wie macht man das in einem Volk, was besser jammern als arbeiten kann und noch nicht erkannt hat, dass die Wirtschaft global und nicht national abläuft! |
Nur zusammenstreichen bringt nichts, ausser Zeit. Hiermit bekämpfen wir nur die Symptome, aber nicht die Ursachen. Unser System ist auf eine andere demographische Entwicklung gebaut und solange das System nicht geändert wird kann man nur alle paar Jahre wieder kürzen, bis der Systemwechsel unumgänglich ist, weil nichts mehr übrig ist zum streichen. Ein Systemwechsel tut weh und Leistungskürzungen auch. Der Unterschied ist nur, dass es nach dem Systemwechsel (wenn es der richtige ist) nicht immer wieder weh tut. Bei der Kürzung von Leistungen tut es jetzt weh, in ein paar Jahren wieder, wenn wieder gekürzt wird und so weiter und so weiter...
Was sicher richtig ist, ist die Tatsache, dass wir zu einer Gesellschaft der "Bewahrer" geworden sind und jammern, wenn wir nicht bewahren können. Schade, weil gerade Deutschland gezeigt hat, wie es geht (nach WW2).
| quote: | Originally posted by j.wayne
Ich mein, jeder will einen Politiker, der "anpackt" und Reformen durchsetzt, nur haben wir selber meist keine vernünftigen mehrheitsfähigen Lösungen parat. Wir leben nun einmal in einer Demokratie, in der Diskussion und Konsenssuche, auf welchem Niveau auch immer, der Kern des ganzen ist . Warum gehen denn immer weniger Menschen wählen? Weil kaum noch Unterschiede im Parteienspektrum zu erkennen sind. Und warum nicht? Weil es nunmal keine tollen Musterlösungen für unsere Probleme gibt, die das Individuum in seiner begrenzten Sicht (soll keine Beleidigung sein) erkennen mag.
Dabei sind die Grünen ja noch am progressivsten bzw. waren es zur letzten Wahl... |
Deutschland ist nicht per se eine Konsensdemokratie. Zwar erfüllt es schon lange alle Merkmale, jedoch ist die Struktur nicht so, dass es nicht auch eine Mehrheitsdemokratie sein könnte. Es ist also nicht der Konsens der Kern der Sache, sondern nur die mehrheitsfähige Lösung. Wir brauchen (imo; die Diskussion, ob eine Mehrheitsdemokratie effizienter ist, ist in der Literatur umstritten) also nicht mehr Konsens (e.g. eine große Koalition), sonder eher Machtverhältnisse, die schnelle Entscheidungen und Reformen umsetzen können.
Die Wahlbeteiligung in Deutschland ist übrigens mit die höchste der Welt, wenn man alle Länder, die keine Wahlpflicht haben, vergleicht.
| quote: | Originally posted by Doctorxx3
ich glaube, dass ein wandel in uns selbst stattfinden muss. die politik allein kanns offensichtlich nicht mehr richten.
die gesetze und die verfassung können noch so toll sein, aber wenn die menschen sich nicht danach richten, helfen sie eben auch nicht weiter. |
Die Politik soll es auch gar nicht richten, denn das ist nicht ihre Aufgabe. Es kann nur von den Menschen eines Landes gerichtet werden. Die Aufgabe des Staates ist es die Rahmenbedingungen so zu schaffen, dass die Individuen einer Gesellschaft möglichst effizient handeln können. Je tiefer der Staat in die Gesellschaft/Wirtschaft eingreift umso ineffizienter wird diese. Zwar leben wir (gottlob) in einer sozialen Martwirtschaft, jedoch muss auch jeder Verantwortung für sich selbst übernehmen.
Es geht also nicht darum, dass sich die Menschen mehr an die Gesetze halten (was ich jedoch aus deinem religiösen Statement von oben verstehen kann, da diese Argumentation sich durch die gesamte Bibel zieht; hält man sich an die Gesetze wird alles gut und man wird belohnt, hält man sich nicht daran, so wird die Gesellschft schlecht und bestraft), sondern es geht darum, dass die Menschen mehr Freiheit, Individualität und Chancen erhalten.
Ich denke es gibt hier nicht mehr schlecht Menschen als anderswo. Im Gegenteil, es gibt hier sogar wesentlich weniger, was aus der Ethik der Gesellschaft und der Entwicklung zu begründen ist. Es sind also nicht die "wenigen" schlechten Äpfel im Korb, die für das faulen des Baums verantwortlich ist. Mit diesem Schluss würdest Du Dir übrigens selbst widersprechen, weil Du damit die "Schuld" auf eine bestimmte Gruppe von Menschen projezierst und ihr Fehlverhalten (was es zweifellos ist, versteh mich nicht falsch) für den Niedergang der Gesellschaft verantwortlich machst. Hier spieglt sich übrigens der zentrale Unterschied des alten und des neuen Testaments wieder, aber das möchte ich hier jetzt nicht tiefer ausbreiten, denn das ist zu sehr OT.
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