|
ein verdammt langer text, spiegelt aber heute unsere (schweizer) gesellschaft sehr gut nieder....ähnlich dürfte es für D sein
| quote: |
Schlappschweiz
von Peer Teuwsen
Der Schweizer ist fett und träge geworden. Seine Innovationskraft, sein Einkommen, seine Dynamik sinken. Müssen wir erst verarmen, um wieder vorwärts zu kommen? Oder sind wir ganz einfach erschöpft?
Es war an einem Sonntagabend im Intercityexpress von Zürich nach Frankfurt, als ich den ersten Schweizer traf, der seiner Heimat überdrüssig geworden war. Sven Böhler, mit 34 Jahren im besten Arbeitsalter, war unterwegs zu einer Grossbank in der Mainmetropole, bei der er als Wirtschaftsinformatiker mit Indern, Finnen, Dänen, Briten arbeitet. Er war gerade mal wieder ein Wochenende in Zürich gewesen, der Stadt seiner Jugend. Er sagte: «In der Schweiz haben wir alle Ressourcen, aber wir machen so wenig daraus.» Und er sollte nicht aufhören zu reden, bis wir in den Frankfurter Hauptbahn- hof einfuhren.
Es war, als redete er zu sich selbst, als müsse er sich erklären, was er einfach nicht verstehen kann. Er sagte, es gehe in der Schweizer Musikbranche, in der er ebenfalls tätig sei, extrem harzig zu: «Wenn ich in Zürich eine Idee für eine Platte habe, wird das wochenlang sehr breit diskutiert, dann verlacht, totgeredet, oder es verläuft sonst wie im Sand. In Nottingham zum Beispiel geht man einen Tag ins Studio, singt alles ein, der Engineer macht flink einen Pre-Mix, brennt acht CDs für alle Anwesenden, schneller, als ich gucken kann. Ich frage mich: Sind die Schweizer teamfähig?» Er habe es wirklich immer wieder probiert, aber heute müsse er zum Schluss kommen: Bloss nie mehr in der Schweiz und vor allem nicht in Zürich arbeiten: «Die Schweiz ist unprofessionell. Wer etwas will, wird ausgebremst durch Neid, negative Einstellung und oft wohl sogar heimlichen Hass.» Und dann, bevor er ausstieg, raunte er mir zu, als sei es ein Geheimnis: «Der Schweizer ist so satt. Schrecklich.» Ich fragte mich: Hat der Mann Recht?
Seit Jahren wächst die Schweizer Wirtschaft unterdurchschnittlich, das Pro-Kopf-Einkommen sinkt, und bald werden sogar die Österreicher im Durchschnitt mehr verdienen als wir. Die Ökonomin und Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro, die ich in Frankfurt traf, sagte: «Es gibt in der Schweiz keinen grossen Leidensdruck, auch objektiv gesehen geht es den Schweizern weiterhin gut, der Lebensstandard ist noch immer sehr hoch. Aber die relative Position verändert sich. Die Erkenntnis, dass etwas passieren muss, baut sich langsam auf.» Ihre Kollegen beklagen, dass das nicht schnell genug geht. Sie auch?, fragte ich. «Ich auch.» Während also andere Länder zulegen, geht es der Schweiz immer schlechter. Aber hinter dieser wirtschaftlichen Schwäche stecken Menschen. Haben die Schweizer verlernt zu arbeiten? Sind sie depressiv geworden? Was ma- chen wir falsch? Wo bleibt denn der Aufschwung im Kopf?
Ein Rucksack voller Geld
Ein paar Tage später traf ich an einem Fest einen Mann im mittleren Alter, der still in einer Ecke sass und rauchte. Er hatte das Essen zubereitet und freute sich, dass es allen schmeckte. Man munkelte, der Mann sei sehr reich. Ich sprach ihn an, und er sagte: «Das Geld hat mich träge gemacht.» Mehr wollte er an diesem Abend nicht sagen, ich solle ihn mal besuchen kommen, dann würde er mir seine Geschichte erzählen.
Der Mann, der seinen Namen auf keinen Fall in den Medien lesen will, wohnt allein in einer geräumigen Fünfzimmerwohnung über den Dächern von Basel. Für die Wohnung bezahlt er 1500 Franken an Hypothekarzinsen pro Monat: «Ich habe sehr gute Konditionen von den Banken bekommen. Wer in der Schweiz Geld hat, kommt leichter zu noch mehr Geld.» Der Mann hat von seinem Vater vor drei Jahren einen zweistelligen Millionenbetrag geerbt und macht seitdem fast nichts mehr: «Das Geld ist wie ein Rucksack, den man mir angezogen hat.» Er überlegte sich lange, ob er das Erbe annehmen solle, aber seinem Vater war es damals extrem wichtig, dass seine Kinder das Geld nehmen. Und so geschah es. Nachdem er 15 Jahre lang hart gearbeitet hatte, sagte er sich angesichts seines plötzlichen Reichtums: «Warum tue ich mir das noch an?» Und hörte auf zu arbeiten.
Seitdem gibt der Mann einen kleinen Teil seines Geldes an Jungunternehmer, die ihn mit ihrer Euphorie und Eigeninitiative überzeugt haben. Grundsätzlich verleiht er sein Geld für die Hälfte des besten Angebots einer Bank. «Ich will, dass diese Leute etwas auf die Beine stellen können. Heute ist ja bei den Banken eine neue Generation von 35-Jährigen am Ruder, die machen einem Familienvater arschkalt die Bude zu.» Einen Grossteil seines Erbes will er mittelfristig in eine Stiftung oder eine soziale Institution überführen. •
«Wir Schweizer», sagt der Mann heute, «sind zu reich, das macht uns schlapp und satt. Und wenn man satt ist, geht man keine Risiken mehr ein, das führt zu einer Schwere, die das Land lähmt. Der Schweizer will immer den Fünfer und das Weggli, Geld und kein Risiko. Ich merke das ja selbst: Mir fehlt der existenzielle Druck. Die meisten meiner Generation haben immer den Fallschirm am Rücken, nämlich das Geld der Eltern.» Und dann sagt er, wenn er abends die Jungen in der S-Bahn sehe, die sich zudröhnen, die schon alles an Materiellem haben, was man sich nur wünschen kann, den CD-Player, das Handy, die Stereoanlage, dann müsse er sagen: «Es herrscht eine Dekadenz und Sattheit, die mich an die dritte Phase des Römischen Reichs erinnert. Aufbau, Konsolidierung und Zusammenbruch. Wir Schweizer sind in der dritten Phase.»
Laut einer unveröffentlichten Studie des Büros für arbeits- und sozialpolitische Studien (Bass) in Bern über das Erbverhalten in der Schweiz bezog jeder siebte Schweizer Bürger bereits einmal Geld aus einer Schenkung. In über 90 Prozent der Fälle kommt das Geld von den Eltern, die meisten beziehen das Geld, für das sie nie gearbeitet haben, wenn sie zwischen 30 und 45 Jahre alt sind. Laut Daten des kantonalen Zürcher Steueramtes wurden Ende der 90er-Jahre jährlich 1,6 Milliarden Franken an Schenkungen umverteilt, hochgerechnet auf die Schweiz sind das zwischen 5,7 und 7,1 Milliarden Franken jährlich. Und hier handelt es sich nur um Schenkungen. Bei den Erbschaften ist das Gesamtvolumen noch viel höher. Die sehr unterschiedlichen Erbschaftsvolumen, die nach dem Prinzip «Wer hat, dem wird gegeben» verteilt werden, tragen zudem weiter zur Ungleichheit bei. Die «untere» Hälfte der Erbenden erhält zusammen 2 Prozent der Erbschaftssumme, die obersten 10 Prozent erhalten drei Viertel.
Das lässt den Schluss zu, dass die Jungen, vor allem diejenigen, die aus guten Verhältnissen stammen, auf Kosten ihrer Eltern leben. Fördert es die eigene Dynamik, wenn man eigentlich auch mit Nichtstun gut leben könnte? Was tun?
Ich sprach mit ein paar Menschen, die sich über diese Dinge seit Jahren Gedanken machen.
Beat Kappeler ist einer dieser intellektuell unabhängigen Menschen, wie dieses Land nur wenige kennt. Zum Gespräch erschien er im schwarz gestreiften Jackett und einer weiss gestreiften, glänzenden Krawatte. Der Publizist war 14 Jahre lang Gewerkschaftssekretär und bezeichnet sich selbst als «Radikalliberalen». Es blitzt in seinen Augen, wenn er solche Begriffe setzen kann, wenn er die Dinge auf den Punkt bringt. Und schon erzählte er das erste Müsterchen aus seiner Zeit beim Gewerkschaftsbund. Immer wenn er in einer Kommissionssitzung des Bundes eine Idee gebracht habe, die von der Norm abgewichen sei, habe der Protokollführer, meist ein Jungakademiker, gestutzt, den Stilbruch angehört und erst weitergeschrieben, als man wieder zur Tagesordnung übergegangen sei. In den Protokollen habe seine Idee keine Erwähnung gefunden. So sei das eben in der Schweiz: «Man hat einen Filter eingebaut gegen andere Ideenwelten. Das wird höchstens als lustig oder provokativ empfunden, und dann macht man weiter wie bisher.»
Ich fragte ihn, was denn passiert sei mit dem Schweizer, der immer als fleissig, tüchtig, sparsam, erfinderisch und zurückhaltend gegolten hatte. Er antwortete mit einem Wort von Minna von Barnhelm: «Man spricht immer von den Tugenden, die man nicht hat.» Und dann legte er los: Der Schweizer sei auf drei Ebenen krank, auf der moralischen, der mentalen und der politischen.
Zuerst erzählt er von seiner Kindheit in den 50er- und 60er-Jahren, als die Menschheit sich vom Zweiten Weltkrieg erholte. Der Vater war Schreinermeister und profitierte vom Innovationsschub dieser Jahre, alle zwei Jahre kam ein neuer Leim auf den Markt, neue Maschinen ohne Ende. Damals trat Europa in früher gereifte Techniken ein und wandte sie in Massen an, weshalb neue Produktivitätsgewinne und damit schnelles Wachstum möglich wurden. Vor allem aber war alles unkompliziert. Wenn der Vater ausbauen wollte, fragte er den Nachbarn, fertig. Der Metzger hatte den Räucherkamin gerade neben der Wäscheleine der Kappelers, es stank gottsjämmerlich, allein, es wäre niemandem je in den Sinn gekommen, sich zu beschweren. Die Papierfabrik färbte den Bach mal rot, mal grün, mal weiss, in einer Fabrikationshalle war es 50 Grad warm, die andere stank entsetzlich nach Salmiak. Er wünsche sich, sagt Kappeler, diese Zeiten nicht zurück, aber etwas müsse man einfach festhalten: Damals sei die Schweiz dynamisch gewesen, «es ging vorwärts». Heute gehe der Nachbar am liebsten gleich über drei Instanzen bis vor Bundesgericht, wenn ihm einer einen Zentimeter zu nahe komme. Und wenn einer einen Baum fällen wolle, habe auch noch die Regierung und jeder einfache Bürger etwas dazu zu sagen. «Es herrscht eine masslose Vermehrung der Stakeholders, welche Eigentümerrechte beanspruchen. Und so eine Entwicklung ist irreversibel. Und das Schlimmste: Die diese Entwicklung vorangetrieben haben, gelten als moralisch besser. Das ist im angelsächsischen Raum schon lange vorbei, dort ist der Utilitarismus, der ideelle Werte nur anerkennt, wenn sie auch dem Einzelnen nützen, viel selbstverständlicher als bei uns. Was ist das für ein Land, wo sich der Freisinnige beim Sozialdemokraten für seine Politik entschuldigt?»
Ich wollte wissen, ob der Schweizer den Wohlstand zu weit getrieben habe, ob er, im Ansinnen, für alle Gutes zu tun, so viele Regelungen und Gesetze aufgestellt habe, dass niemand mehr atmen könne. Es sei immer schwierig, etwas über eine Volksmentalität zu sagen, antwortete Kappeler - und zitierte Gottfried Keller: «Diese Leute werfen keine Laternen ein, sie zünden aber auch keine an.» Er müsse leider feststellen, dass 85 Prozent der Arbeitstätigen in diesem Land angestellt seien.
Heloten-Gesellschaft
Er holt ein dickes Buch aus seiner Aktentasche, die Schweizerische Arbeitskräftestatistik. Er blättert. «Sehen Sie!», sagt er. «1,4 Millionen Menschen zwischen 25 und 40 Jahren arbeiten in diesem Land, die werden alle im Schnitt 100 000 Franken verdienen, die meisten sind Angestellte. Warum soll einer von denen 20 Prozent mehr arbeiten, um 120 000 Franken zu verdienen? Da zieht man doch ein bisschen mehr Freizeit vor. Diese Schweizer sind zu einer Heloten-Gesellschaft, zu Bürgern zweiter Klasse geworden, denn Angestellte haben weniger Freiräume als Selbstständige. Sie sind inflexibel, sie bleiben länger im gleichen Beruf, im gleichen Kanton, entgegen allen Aufrufen, der Aufschwung beginne im Kopf.»
Sind denn, wie es neuerdings immer wieder heisst, unsere Institutionen veraltet? Nein, das sehe er nicht, man habe einfach keine Disziplin, diese richtig anzuwenden. «Wir brauchen ein klares Regierungsprogramm, auf das jeder Parlamentarier der Regierungsparteien eingeschworen wird. Wer dagegen verstösst, wird nicht mehr aufgestellt. Heute haben wir ein Régime d'assem- blée, der Hinterbänkler ist ebenso viel wert wie der Fraktionschef. Es muss Whips, Fraktionseinpeitscher, wie in England geben.»
Gibt es Rettung für dieses Land, Herr Kappeler? Er grinste mich breit an und sagte dann ganz gelassen: «Nein. Nach meiner Lebenserfahrung gibt es Situationen, die einfach nicht gelöst werden können.» Dann marschierte er schnurstracks zum Ausgang.
Ist das alles Alarmismus eines Menschen, der mit seinen Hiobsanalysen auch Geld verdient? Es schien mir, ich müsse schauen, ob auch in den politi- schen Lagern diese Ansichten geteilt werden. Also traf ich zuerst die Rechten. Und dann die Linken. •
Walter Wittmann ist ein pensionierter Ökonomieprofessor, der seit Jahrzehnten Bücher schreibt, in denen er das Ende der real existierenden Schweiz beschwört. Trotzdem stand der Bahnhof Bad Ragaz noch, und Wittmann wartete in seinem Auto. Ich kam aus dem nebligen Zürich, und hier schien die Sonne. Er drückte mir freundlich die Hand und sagte: «In Sargans hört der Nebel auf, dort ist die Ungerechtigkeitsgrenze.»
Er wohnt in einem schönen geräumigen Häuschen, hat eine freundliche Frau und eine erwachsene Tochter. Er könnte zufrieden sein. Aber er sagt: «Das Ende ist nahe. Die Schweiz ist ein hoffnungsloser Fall. Wir sind sklerotisch geworden. Das System, auf das wir einst so stolz waren, hat versagt. Sehen Sie, mein Nachbar dort drüben, er hat drei erwachsene Töchter. Die leben auf seine Kosten, als sei er der Jackpot persönlich. Wir Schweizer leben zurzeit von der Substanz. Unser Abstieg hat 1973 angefangen, damals war das Bundesbudget erstmals im Defizit.» Walter Wittmann redet mit einem schmallippigen Lächeln, ganz warm im Ton. Und ganz brutal in der Sache: «Die Schweiz hat mich zum liberalen Antidemokraten gemacht. Aber auch ich erschrecke, wenn die Leute nach meinen Vorträgen auf mich zukommen und fragen: Herr Wittmann, das ist ja schrecklich, was Sie da erzählen. Brauchen wir Schweizer endlich einen Krieg, auf dass hier mal Tabula rasa gemacht werden kann?»
Föifer-und-Weggli-Züügs
Einer, der die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, sitzt in einem kleinen Einzelbüro in Zürich-West und sagt: «Ich kann immer darauf wetten, dass die Leute so abstimmen wie mein Vater, als Konsument offen, urban und international, aber als Bürger argwöhnisch mit einem Auge ins Ausland und mit dem anderen in den Rückspiegel. Das ist die helvetische Ambivalenz, Föifer-und-Weggli-Züügs. Meine Helden sind die Radikalen von 1848. Die Fantasten hatten die Frechheit, aus einer Sinn- und Institutionenkrise heraus einen Staat zu gründen, den es zuvor noch nie gegeben hat. Flucht in die Zukunft, Grenzen weg, Gewerbefreiheit, ETH, SBB, unerhört.» Stefan Flückiger ist heute Programmkoordinator von Avenir Suisse. Früher hat er im Bawi für Franz Blankart Reden geschrieben, war drei Jahre für die Weltbank in Haiti und führte bei Thomas Borer in Berlin die Wirtschaftsabteilung.
Wir gehen in die Kantine des Zürcher Schauspielhauses im Schiffbau. Flückiger lädt sich Gemüse auf den Teller, setzt sich und kommt in Fahrt: «Heute erliegt eine alternde Gesellschaft der Illusion, den Wohlstand ohne Risiko hegen zu können, während uns die Globalisierung um die Ohren pfeift. Wenn Avenir Suisse auf die Realität hinweist, dass hinter der mythischen Heidi-Schweiz längst ein dynamisches Agglonetz entstanden ist, wo die Zukunft passiert, dann ist das bereits ein Sakrileg. Dem Staatsgründer Jonas Furrer hätte das gefallen. Wir kanonisieren die basisdemokratischen Instrumente der Aufbruchsgeneration von einst zu unantastbaren politischen Reliquien. Heute schützt der Föderalismus Lehrer, Anwälte und Getreidemüllereien vor Wettbewerb, das Referendum wird missbraucht als Bremse gegen das Unbekannte und Unbequeme. Nehmen sie den Neuen Finanzausgleich, etwas vom Besten, was die Konkordanzpolitik - nach zehn Jahren Vernehmlassung! - noch zu Stande gebracht hat, fundamental für die Zukunft der Schweiz. Was geschieht? Die Behinderten-Lobby wehrt sich für ihre Partikularinteressen und bringt die Vorlage beinahe zu Fall, unterstützt von der SP. Das politische Instrumentarium, als sinnstiftende Staatsidee grosszügig gegenüber Minderheiten konzipiert, aber immer auch grosszügig und im Sinne des Gemeinwohls gehandhabt, ist zur Verteidigung der schrumpfenden Subventionen, Renten und Pfründen verkommen, zu modernen Saubannerzügen der anstehenden Verteilungskämpfe. Das ist nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein moralisches Grounding. Und wissen Sie was? Je intensiver wir uns mit Politikern im kleinen Kreis unterhalten, umso mehr stimmen sie uns zu, von SP bis SVP, dass das System teuer, ineffizient und träge geworden ist und die Gestaltung der Zukunft gefährdet. Dann gehen sie raus und halten eine glühende Rede auf Föderalismus und direkte Demokratie.» Flückiger nennt es das «Vier-Augen-Prinzip», trinkt seinen Kaffee aus und kehrt, wieder ganz ruhig, zu seinem Schreibtisch zurück.
Warum diese Verzweiflung bei den Rechten, die sich als Revolutionäre verstehen? Weil sie zu wenig auf die Menschen und zu sehr auf ihre Theorien hören. Sie sehen nicht, dass der Schweizer Angst hat. Angst vor der Zukunft. Und weil sie die Schweiz nicht begriffen haben, sagt Markus Schneider, Journalist und Buchautor («Idée suisse» und «Weissbuch 2004»). «Der Schweizer ist nicht empfänglich für radikale Massnahmen. Hier geht es alles Schritt für Schritt. Das ist gut so. Man soll die direkte Demokratie nicht mit dem Bade ausschütten. Wir müssen umbauen, aber das dauert.» Schneider, der zwei Kinder hat, sieht das grosse Problem in der Schule: «Ja, ich muss sagen, ich sehe auch wenig Erfolgshunger. Wir lassen den Erfolg gar nicht zu. Unser Bildungssystem ist geschlossen, die Durchlässigkeit für Nichtakademiker und Ausländer ist gering. Das fördert die Konkurrenz nicht. Aber grundsätzlich sehe ich nicht so schwarz für dieses Land. Wir müssen einfach den Menschen beibringen, dass wir die Sozialtransfers in erster Linie an die sozial Schwachen ausschütten. Denn es wird bald noch mehr Junge und bald noch mehr Alte geben, die das nötig haben und davon abhängig werden. Da kann man schier nichts machen. Deshalb werden wir anderswo sparen müssen.»
Der Soziologe Kurt Imhof ist ein Ausnahmetalent unter seinen Schweizer Kollegen. Er denkt quer und intelligent, und spricht auch noch so, dass man ihn versteht. Zum Gespräch kommt er zu spät, er ist letzte Nacht versackt. Auch wenn er jetzt schon 48 Jahre alt ist, hat man nicht das Gefühl, Imhof habe das Studentenleben wirklich hinter sich gelassen. Imhof kam auch erst spät in akademische Gefilde, der gelernte Hochbauzeichner ist ein typischer Quereinsteiger. Und er hat Lust an dem, was er tut.
Nachdem er Kaffee und Zigarette bereit hat (Milch hat er trotz intensiver Suche in den Kühlschränken seiner Mitarbeiter keine gefunden), sagt er: «Ein ungeheures Erfolgsmodell ist weggebrochen. Die Schweiz hat keine Vision mehr. Der Staat, von dem diese ausgehen müsste, wird kaputtgeredet und -gespart. Und wir lassen es zu, dass unser Image durch Swiss, CS und UBS nicht nur förderlich bewirtschaftet wird. Wer den Namen unseres Landes trägt, müsste eine Reputationssteuer entrichten. Was mir aber am meisten Sorgen macht, ist der Mittelstand. Der ist weder politisch noch sozial stabil, die bügeln wie die Verrückten - und sind trotzdem unsicher, ob sie morgen noch Arbeit haben. Da ist die Zukunftssicherheit weg. Das befördert etwas Gefährliches: Die Suche nach Charismatikern, und das in einer Schweiz, die Charismatikern immer abhold war.» Er zieht heftig an seiner Zigarette, und endlich bringt ihm eine Mitarbeiterin Milch. Er sagt: «Ich glaube, in 50 Jahren wird man schreiben: In den 90er-Jahren hat die Schweiz gesponnen. Sie hat sich beinahe selbst kaputtgemacht, weil sie nicht wusste, was sie wollte.»
Funktionieren statt denken
Der 47-jährige Hanspeter Uster, Zuger Regierungsrat der Sozialistisch-Grünen Alternative, sitzt in seinem Sitzungszimmer, vor dem Fenster eine Einöde aus Schnee und Kunst am Bau. Als ich den Mann, dessen schiere Existenz als ehemaliger Marxist in einem so hohen Exekutivamt und erst noch im reichen Kanton Zug ein Wunder ist, nach den Ursachen für die Schweizer Misere frage, sagt er: «Es ist wie immer beides. Der Schweizer mag zu satt sein, aber vor allem kann er einfach nicht mehr. Er ist erschöpft. Der Druck auf den Einzelnen ist enorm.» Er sehe das jeden Tag bei seiner Arbeit, in der Verwaltung, in der Politik, in der Wirtschaft: «Die Leute denken nicht mehr, sie funktionieren nur noch.» Wer etwas auf die Beine stellen wolle, erkaufe sich dies zum Preis seiner Gesundheit. Und die einfachen Leute hätten Angst, um ihren Job, ihre Gesundheit, ihre Kinder: «Angst lähmt.» Es wird das einzige Mal sein, dass er das Attentat in Zug erwähnt, das er mit einem Lungendurchschuss überlebt hat.
Uster ist ein Mann, der Dinge geleistet hat, die andere nie anzupacken wagten. So hat er, in einem jahrelangen, hartnäckigen Kampf, die Korps der Stadt- und der Kantonspolizei Zug zusammengelegt. Das war eine Sache, die sich in einem Kanton mit bloss 100 000 Einwohnern aufdrängte und deren Vorteile auf der Hand lagen: Synergien für die Erfüllung wichtiger Aufgaben, mehr Effizienz, weniger Kosten. Trotzdem sagte man in Zug: Wer sich dieses Geschäfts annimmt, der ist abgewählt. Uster war noch jung, er suchte eine Herausforderung, und der Druck bei der Polizei, die mit gleich viel Personal immer mehr Aufgaben erfüllen musste, war gross. Uster sagt: «Das Projekt war im wahrsten Wortsinn not-wendig.» Also wagte er und gewann. Mit langen Gesprächen, mit taktischem Geschick, aber auch mit überwundenen Niederlagen. Ein rares Beispiel, wie man in der Schweiz die starren Normen, die starren Denkweisen und Traditionen überwinden kann.
Uster war auch derjenige, der als einer der Ersten in der Schweiz das Gastgewerbe liberalisiert hat - sein Beispiel hat landesweit Schule gemacht. Die Branche hats ihm gedankt, die Ausländer, die dort heute einen einfacheren Weg zum sozialen Aufstieg haben, sowieso. «Unsere Grundannahme war, dass es gar keine Gesetze braucht. Dann schauten wir, wo es doch welche braucht, wie zum Beispiel bei der Gleichstellung», sagt er.
Oder er hat das Kaminfeger-Monopol abgeschafft, ein anderes Beispiel. Seit man denken konnte, war im Kanton Zug ein Kaminfeger allein für eine gewisse Region zuständig. Es gab keine Alternative. Mit dem neuen Gesetz kann heute ein Hausbesitzer den Kaminfeger beschäftigen, den er will. Das führte zu einem Anruf des Kaminfegerverbandes: Das könne er doch nicht machen, was man denn jetzt mit dem allgemeinen Kaminfegertarif tun solle. Uster sagte: Jetzt gelte halt der freie Markt. Der Staat erlasse keine Tarifordnung mehr.
Für die Schweiz sieht Uster eine Zukunft, wenn sie wegkommt, immer nur den Weg zum Ziel zu beschreiben, aber nie das Ziel selbst. «Wir kommen nur weiter, wenn wir zum Beispiel sagen: Das Ziel ist der vorbeugende Brandschutz. Wie ihr dazu kommt, dafür gibt es mehrere Wege. Das macht kreativ, das befreit das Denken. Aber das ist auch im Grossen so: Wenn Avenir Suisse sagt, man solle die direkte Demokratie und den Föderalismus abschaffen, dann beschreiben sie nur die Instrumente, nur den Weg. Sie verbreiten so einen Alarmismus, der das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollen: Die Leute stecken die Köpfe in den Sand. Die Rechten sollen aber mal klar hinstehen und ihre Ziele formulieren, zum Beispiel: Wir wollen eine reiche Elite, dafür nehmen wir 10 Prozent Arbeitslosigkeit in Kauf.» Uster wird richtig laut, was bei ihm, der ein Mann der leisen Töne ist, etwas heissen will. «In der Schweiz diskutieren wir nur noch über Köpfe oder über Systeme wie das Krankenversicherungsgesetz, das so kompliziert ist, dass es sich selbst lähmt. Das führt in eine geistige Sackgasse. Wir müssten endlich über die Inhalte diskutieren. Das ist doch der Grund, warum sich nichts bewegt in diesem Land. Die Rechte will irgendwas, sagt aber nicht genau was. Und die Linke beharrt, weil Reformen Angst machen, wenn es keine offene Auseinandersetzung über die Inhalte gibt.»
Uster will «eine Schweiz, wo auch normale Menschen leben können, eine Schweiz, die ihrer internationalen Verantwortung nachkommt, eine Schweiz, in der das Mittelland nicht nur noch aus Beton besteht.» Und er glaubt an die politische Schweiz, an den Föderalismus, die direkte Demokratie. Er meint, kleine Kantone seien ein Versuchslabor. Gerade habe seine Partei die Frage aufgeworfen, ob ein so kleiner Kanton wie Zug noch elf Gemeinden brauche. Und er frage sich auch, ob Zug nicht eher zu Zürich als zur Innerschweiz gehöre. Das seien Fragen, die man sich stellen und auf die man mit der Zeit eine Antwort finden müsse. Er wird sie finden, vielleicht noch in dieser Amtszeit, die seine letzte ist.
Und dann sagt auch er, dass es zu wenig Leute in diesem Land gebe, die Energie und Freude an dem ausstrahlen, was sie tun: «Ich kann das gut verstehen: Die meisten werden in den Mühlen des Alltags zermahlen.» Als ich ihn dann aber frage, wie er es denn geschafft habe, seine Freude und seine Energie nicht zu verlieren, wird er ganz einsilbig, lächelt schliesslich und sagt: «Ach, wissen Sie, ich bin der Scheinriese Turtur aus «Jim Knopf»: Je näher ich komme, desto kleiner werde ich, desto mehr sieht man meine Niederungen des Alltags.» Er hätte auch einfach sagen können, er sei Schweizer.
Peer Teuwsen ist stellvertretender Chefredaktor des «Magazins» ([email protected]).
Artikel erschienen in «DAS MAGAZIN», am 12.02.2005.
|
___________________
FFM Überseetouristik Sorglos Service GmbH
Lässt mich träumen...
Essential selection Switzerland 2008
| quote: | Frank-HH: Alles viel zu Geil hier!
Overseas: Wir sind ja nicht zum Spass hier!
Das höchste Gut im Leben ist Gesundheit und Liebe... |
|