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| quote: | Nie wieder Loveparade!
Der Techno-Veteran und Ex-Mayday-Macher legt am 24. Juli zum letzten Mal beim Mega-Event auf.
Berlin - Ohne ihn wäre der Techno wohl gleich beim Minimal-Sound gelandet. Maximilian Lenz alias Westbam (45) steht für den Aufbruchs-Techno der Neunziger Jahre, für krachige Elektro-Beats, die mitreißen und nach vorne gehen. Westbam hat am Soundtrack der Wende mitgemixt, war von der ersten Loveparade an dabei.
Jetzt hat er ein neues Album herausgebracht: "A Love Story 89 - 10" (Bass Planet) ist eine Liebeserklärung an 21 wilde Jahre, aber auch ein Ausblick auf den Techno der Zukunft. Der KURIER sprach mit dem Autor, Mayday-Veteran, Musiker und Ausnahme-DJ.
Maximilian, der Name deines neuen Albums klingt, als würde eine Ära zu Ende gehen. Richtig?
Was die Love Parade angeht, ja. Das sind jetzt 21 tolle Jahre gewesen. Und nachdem Dr. Motte vor ein paar Jahren ausgestiegen ist und mein Musikpartner Klaus auch, soll es dann auch irgendwann mal gut gewesen sein.
Du wirst nie wieder auf der Loveparade auflegen?
Ich kann ohne Wut und ganz entspannt sagen, das ist meine letzte Show auf der Loveparade. Am 24. Juli mache ich in Duisburg noch einmal eine richtig fette Show und dann ist Schluss. Es ist jetzt eigentlich noch ein schöner Moment abzutreten. Das ist ein neuer Veranstalter, eine neue Crew. Und da muss man sich immer fragen, will man da jetzt noch mittun? Denn eigentlich wird einem die Sache dadurch ja nicht vertrauter. Und ehe einem die Sache fremd wird, wäre es an der Zeit, Lebewohl zu sagen.
Insofern erscheint der Titel deiner Single "Don't look back in Anger" auch ein wenig programmatisch. Die Scheibe klingt melancholisch.
Ich will nicht sagen, dass ich ein melancholischer Mensch bin, aber wenn man auf so große Zeiträume seines Lebens zurückblickt, dann, glaube ich, mischt sich bei jedem ein bisschen Melancholie rein. Das ist auch am ganzen Album spürbar, ohne zu sehr ins Sentimentale zu gehen.
Was machten die Jahre 1989-2010 musikalisch so besonders für dich?
Das Album bietet dreieinhalb Stunden Musik. Das geht ja schon in die Wagner-Richtung. Das ist Techno in drei Aufzügen. Auf der ersten CD sind die großen alten Sachen mit Motte. Die zweite zeigt den State of the Art, der auch einen Blick in die Zukunft wirft. Und dann noch mal einen Blick in die Vorvergangenheit wagt, in die Zeit als Berlin mit seinen Clubs und der Musik zu dem wurde, was es heute ist. Deswegen würde ich das Ganze auch nicht als Retrowerk sehen. Wer Zeit und Muße hat, sich den Ring von Wagner anzuhören, der weiß am Ende ganz genau, wie der das gemeint hat. Und so ähnlich ist es mit dem Album auch.
Es gab eine Zeit, da hieß es: Techno ist tot! Und so richtig fette Raves finden ja fast auch gar nicht mehr hier statt, oder? Wo sieht du dich da selbst
Gute Frage, die letzten zehn Jahre hat sich die Clubszene ja eher in die Kleiner-, Stiller-, Unauffälliger-Richtung bewegt, was sicher auch mit dem großen politischen Zusammenhang der Nullerjahre zusammenhängt, vor allem mit dem Fall der World-Trade-Center-Türme in New York. Die 90er-Jahre waren dagegen eine Zeit des großen politischen Aufbruchs, des Gefühls der Befreiung nach dem Fall der Berliner Mauer. Und dieser euphorische Größenwahn, dieses Lebensgefühl drückte der Soundtrack des Techno besonders gut aus.
Die Nullerjahre waren sehr stark von Sinnkrise, von Sorge, Agenda 2010 geprägt. Da hat Techno drauf reagiert, indem er sich ins Private zurückzog und leise wurde. Und da muss ich sagen: Schon zum Namen Westbam passt das nicht richtig. Und deshalb hab ich die Nullerjahre jetzt auch nicht als mein Jahrzehnt empfunden.
Wo geht der Techno hin? Eine Prognose.
Zum Beispiel war unlängst ein Party, die sich da nannte Berlin Summer Rave. Tengelmann hatte richtig viel Geld in die Hand genommen und große Promotion gemacht, hat mit Marusha und mir als Headliner zwei Gestalten gebucht, die nicht für den stillen, sondern für den Aufbruchs-Techno stehen. Und jetzt waren ja viele der Meinung, oh, das wird ja ein totales Desaster, und dann stellte man voller Überraschung fest, 10.000 Kapazitätskarten waren ruckzuck ausverkauft, und sie hätten noch mal 10.000 verkaufen können.
Da habe ich gedacht: Ach, schau mal einer an, da ändert sich jetzt wieder was. Es kommt wieder ein Techno, der krachiger ist, nach vorne geht und sich wieder was traut. Das eine ist ja, dass da 20.000 Leute hinwollen, das andere ist die knisternde Energie, die da geherrscht hat, die Erwartungsfreude und die Begeisterung.
Und die Leute, die da waren, ich dachte auch, sind das jetzt Leute von früher? Nein, die waren um die 20, die hatten diese Art von Techno im großen Rahmen noch nie mitgekriegt. Weil das nämlich in den letzten 10 Jahren in Berlin nicht so gelaufen ist. Also meine Prognose ist: Das nächste Jahrzehnt wird wieder mehr nach vorne gehen. Das Interesse am lauteren Techno, einem Techno als Abenteuer, wird wieder mehr in Mode kommen.
Dann müsste konsequenterweise aber auch die Loveparade wieder nach Berlin zurückkehren.
Ich habe mit dem jetzigen Namensinhaber, dem Herrn Schaller, darüber geredet, der schien mir etwas verbittert über den Berliner Senat zu sein. Dass sie ihm da nicht besonders gut unter die Arme gegriffen hätten, so nach dem selbstzufriedenen Motto: Wir brauchen euch nicht, ihr aber braucht Berlin. Wo der dann gesagt hat, nein, wir können auch anders.
Und das hat er ja dann auch gezeigt, das muss man zugeben. Im Ruhrpott sind ja gleich auf einen Schlag über eine Million Leute gewesen. Also ganz ehrlich, der hat das jetzt ein paar Jahre fest in den Ruhrpott gegeben, aber ich würde die Hoffnung nicht aufgeben. Ich fänd's eigentlich auch ganz schön, wenn das wieder nach Berlin zurückkehren würde.
Du bist jetzt fast 30 Jahre am Start. Wann ist für dich Schluss
Nachtleben ist was für Leute um die 20, wer älter ist, hat irgendwas damit zu tun. Man ist Veranstalter, Promoter oder DJ. Was mir schon mit 18 schwer gefallen ist, vier Abende hintereinander zu spielen, auf die Idee käme ich heute ganz bestimmt auch nicht. Jetzt zum Beispiel spiele ich einmal die Woche, früher waren es zweimal die Woche.
Ich kann mir vorstellen, das man irgendwann sagt, man spielt zweimal im Monat und dann, man spielt einmal im Monat oder man spielt alle drei Monate und so weiter. Aber warum nicht als älterer DJ wie manche Blues-Gitarristen mit 80 auf der Bühne stehen? Es fragt sich doch immer: Gibt es Leute, die das interessiert? Und bis jetzt, muss ich sagen, war es bei mir immer so, dass es neue Leute interessiert hat, und dann geht es auch körperlich ganz gut.
Was bereust du?
Ich habe mein Publikum, bin von interessanten Leuten umgeben, was soll ich mich beklagen? Ich fände das kleinlich. Natürlich könnte ich jammern. Zum Beispiel habe ich meine Plattenfirma verloren, weil die Leute irgendwann nur noch Downloads geklaut haben, aber mir geht's gut.
Was willst du noch erreichen?
Ganz ehrlich interessiert mich von allen künstlerischen Ausdrucksformen die Schriftstellerei am meisten. Ich sehe mich ja selbst nicht in erster Linie als Musiker, sondern als Konzeptkünstler. Wenn jemand mit Worten ein großes Kunstwerk schafft, das mich berührt, das finde ich fantastisch. Ich weiß nicht, ob ich das in mir habe, ich schreibe hin und wieder mal da und dort. Aber das wäre noch was, wo ich mich sehr drüber freuen würde, wenn ich da noch ein zwei Bücher hinbekommen würde.
Berliner Kurier, 18.07.2010
http://www.berlinonline.de/berliner...rade/303400.php |
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